Forschungsgeschichte der indianischen Kulturen Nordamerikas

Die Forschungsgeschichte der indianischen Kulturen Nordamerikas reicht bis in die Phase der ersten Kontakte zwischen Indianern und Europäern zurück. Dabei standen zunächst Missions- und Verwertungsinteressen bei der Beforschung im Vordergrund. Auch die stärker wissenschaftlich ausgerichtete Phase spiegelt europäische und amerikanische Konzepte wider, in die die Perspektive der Indianer, es sei denn als historische Quelle oder ethnologischer Informant, nur selten Eingang fand.

Erst die Betrachtung der Geschichte der Ethnien und die politische Gegenwehr gegen ihre kulturelle Assimilation hat dazu geführt, dass indigene Konzepte stärker Berücksichtigung finden. Die Wissenschaften selbst werden dabei zunehmend als Teil der Kolonisierung betrachtet.

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Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dienten Zusammenstellungen und Aufzeichnungen über Beobachtungen vor allem praktischen Zielen. Sie sollten nicht nur zur besseren Kenntnis der regionalen Gegebenheiten führen, sondern vor allem der avisierten Nutzbarmachung der „Neuen Welt“ und ihrer Bewohner dienen. Umgekehrt mussten erst die wissenschaftlichen Voraussetzungen geschaffen und gewollt sein, um ein ethnologisches und historisches Theoriengebäude entwickeln zu können.

Daher befassten sich vorrangig drei Gruppen mit den Indianern, nämlich Missionare, Naturwissenschaftler und zahlreiche Menschen mit antiquarischen Interessen, deren Schwerpunkt sich aus verschiedenen Quellen speiste. Vor allem die frühen Missionare, allen voran die Jesuiten, trugen große Mengen an Material insbesondere über die Sprachen zusammen, denn sie erkannten schnell, dass eine Missionierung ohne Sprachkenntnisse unmöglich war. Ein historisches Interesse entstand dadurch, dass die neuen Völker nur schwer zum Text der Bibel in Beziehung zu setzen waren. Der Frage der Abstammung von einem der Verlorenen Stämme Israels wurde somit ein gewisser Raum geboten.

Bei den historisch ersten Kulturvergleichen erscheint zudem ein Gesichtspunkt, der bis heute nachwirkt: Die Indianer eigneten sich in einer Vergleichsperspektive zur Reflexion europäischer Kulturen. So ließ Louis-Armand de Lahontan in seinem Anhang zu Nouveaux Voyages von 1703 einen huronischen Philosophen als Kläger gegen europäische Doppelmoral und Verderbnis der Sitten auftreten („Dialogues curieux avec un sauvage“).[1] Einen anderen Vergleich von eher historischer Natur zog 1724 Joseph-François Lafitau in seinen Moeurs des Sauvages Ameriquains, comparées aux premiers temps („Sitten der amerikanischen Wilden, verglichen mit den frühesten Zeiten“) heran. Darin verglich er systematisch die Kultur der Irokesen und anderer amerikanischer Völker mit den Sitten und Gebräuchen der Völker der europäischen Antike.

Der Erkenntniswille des Reisenden darf dabei allerdings nicht unterschätzt werden. So schrieb schon 1744 Johannes Caspar Hirzel, es sei das Ideal vom „philosophischen Reisebeschreiber“, dass er erkenne, dass „diese Wilden mit mehrerem Recht die gesitteten Gäste, die ihnen ihre Güter und Freyheit rauben, für wild ansehen“ – eine Umkehrung, die erst über zweihundert Jahre später im Wissenschaftsdiskurs wieder auftauchte.

Eine Ausnahmeerscheinung stellt der um 1700 entstandene Codex canadiensis dar, die von dem Jesuiten Louis Nicolas verfasst wurde. Ihm ging es weder um moralische Wertung noch um religiöse Ziele. Er versuchte in 180 Illustrationen zahlreiche Pflanzen und Tiere darzustellen, vor allem aber die Indianer und ihre Werkzeuge, denen er 19 Seiten widmete. Zahlreiche seiner Darstellungen basieren zwar auf François du Creux: Historiae canadensis seu Novae Franciae Libri Decem, Paris 1666, doch sind seine Tätowierungen, Pfeifen, von den man sonst meist nur die Köpfe findet, Frisuren und Kleidung sowie Schmuck einzigartig. Sein Werk fand keinerlei Rezeption, weil es bis 1930 verschollen war, und auch heute noch nur über das Internet in einer mäßigen Edition verfügbar ist.[2]

Wesentlich fundierter waren die Interessen, die die Forschungsarbeiten von Meriwether Lewis und William Clark anschoben. Die Lewis-und-Clark-Expedition von 1804 bis 1806 erforschte im Auftrag des Präsidenten Thomas Jefferson den amerikanischen Nordwesten. Sie sollte die dortigen, noch zu erobernden Gebiete untersuchen. Trotz dieser eher ablehnenden Perspektive entstanden urgeschichtliche und linguistische Aufzeichnungen – man grub sogar einen Mound aus – und man sammelte Sprachproben. Weitere Armeeexpeditionen folgten, die zusammen mit dem Wissen der Pelzhändler ein genaueres Bild der Einzelgruppen entwickelten.

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